Fußball – für die meisten Menschen bedeutet dieser Begriff, 22 Spielern am Samstagnachmittag dabei zuzusehen, wie sie Tore erzielen und Punkte sammeln. Mitunter technisch stark, anderenfalls auch mal mit zur Schau gestellter Lustlosigkeit. Der Fan nimmt, was er kriegen kann. Schon bald nach dem Abpfiff hat er das Spiel abgehakt. Vielleicht unterhält er sich noch am Stammtisch darüber, aber sehr schnell haben sich die Emotionen gelegt. Etwas anders sieht das jedoch bei den sogenannten Ultras aus. Ihre Zuneigung zum Verein und der Stadt schläft nie. Sie kennt keine Pause und kein Ende der bedingungslosen Liebe zu dem, was ihnen heilig ist. Und das geschieht oft mit rohen, gewalttätigen Schritten. Solchen, die der normale Fußballfan nicht sehen will – die er verachtet.
Domenico Mungo ist selbst ein Ultra. Wenn er nicht gerade den AC Florenz durch die Stadien Italiens begleitet, prügelt er sich mit den Anhängern anderer Vereine. Oder mit der Polizei. Dem Risiko, seine Gesundheit dabei zu verlieren oder das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, stellt er ein Privileg gegenüber: Er darf für seine Farben kämpfen. Doch die Welt der Ultras ist nicht mit Begriffen wie Ehre und Würde gleichzusetzen. Was hier geschieht, ist nicht heroisch. Mungo, der wie viele seiner Freunde nach einem eskalierenden Gewaltexzess in die Schweiz flüchtete, hat die Erzählungen anderer Ultras in seinem Buch „Streunende Köter“ gesammelt. Geschichten solcher Leute, die einsam zwischen den Stadien umherschleichen, um den entscheidenden Moment der dritten Halbzeit abzuwarten – und dann zuzubeißen.
Wie ihr Autor, so sind auch die Anekdoten wenig glamourös. Sie sind nicht literarisch aufbereitet, nicht in schöne Worte gegossen. Die Sprache wird nicht verstellt. Der Leser gewinnt vielmehr einen Einblick in die Welt der gewaltbereiten Szene, für die der rollende Ball nur eine Nebenbeschäftigung, die Liebe zum Verein aber der Sinn des Lebens darstellt. Schauplätze, an denen brechende Knochen, berstende Leiber und auch das eine oder andere verlorene Leben zu den Regeln gehören. Mungo enthüllt, was vielen Fans nicht bewusst ist und was diese vermutlich auch gar nicht wissen wollen. Doch wenn der Schiedsrichter nach 90 Minuten abpfeift, so ist die Partie noch nicht für alle Anhänger beendet. Für einige von ihnen geht das Vergnügen nun erst richtig los.
Weiterführende Links:
Interview mit Domenico Mungo bei ballesterer.at
Interview mit dem Übersetzer des Buches Kai Tippmann auf altravita.com